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Frage 215: Wenn jemand verwitwet ist, darf er (oder sie) noch einmal kirchlich heiraten? (TR)
Antwort: Wenn jemand verwitwet ist, darf er (oder sie) noch einmal kirchlich heiraten. Der Codex Iuris Cononici (=CIC) von 1983 enthält in dieser Hinsicht keinerlei Verbot. Anders war dies vor 1983. Der CIC von 1917 kannte den Sachverhalt der „sukzessiven Bigamie“. Der Grund lag in der ursprünglichen Abneigung der Kirche gegen die zweite Ehe. Wer zwei- oder gar dreimal eine Ehe schloss, war mit einem Makel behaftet. So war (gemäß can. 984 n. 4 CIC/1917) ein Mann, der zwei- oder gar dreimal verheiratet war (und dessen letzte Frau jetzt verstorben war), „irregulär“, konnte also nur mit besonderer Dispens vom Bischof Priester werden. (Prof. Dr. Reinhold Seebott, Frankfurt)
Frage 216: Sind Organtransplantationen im Christentum erlaubt? Gibt es ein Unterschied zwischen totem und lebendigem Organspender? (TR)
Antwort: „In den weiten Bereich des Dienstes am Leben gehört auch die Möglichkeit, durch Übertragung von Geweben und Organen anderen Menschen die Wiederherstellung der Gesundheit zu ermöglichen oder ihr Leben zu retten. […]
Die Möglichkeit, Organe zu übertragen, bringt Fragen und Probleme mit sich. Diese betreffen in unterschiedlicher Weise die Organübertragung von einem lebenden und von einem soeben verstorbenen Spender.
Eine Lebensspende ist ethisch allenfalls vertretbar, wenn es sich um Organe handelt, die, wie zum Beispiel die Niere, doppelt vorhanden sind. Außerdem kommt sie nur in Betracht, wenn das Leben und die Gesundheit des Spenders mit Sicherheit nicht gefährdet sind und mit Sicherheit davon ausgegangen werden kann, dass der Spender auch sonst keinen substantiellen und irreparablen Schaden für das eigene Leben, die eigene Gesundheit und seine Arbeitsfähigkeit davonträgt. Auf der anderen Seite muss für den Empfänger eine begründete Hoffnung bestehen, dass sein Leben durch die Organspende verlängert oder sein Gesundheitszustand nachhaltig verbessert werden kann. Schließlich muss die Organtransplantation die einzige Möglichkeit der Rettung des Lebens des Empfängers sein. Eine weitere Voraussetzung ist, dass das Motiv der Spende die Liebe zum Nächsten ist und der Spender seine Einwilligung in voller Freiheit und nach reiflicher Überlegung und umfassender Aufklärung getroffen hat. Heute wird in der Medizin weithin auf Organverpflanzung von lebenden Spendern verzichtet. Sie kann nur in seltenen Fällen unter dem Gesichtspunkt eines außergewöhnlichen persönlichen Opfers in Betracht kommen. Zu einem solchen Opfer darf niemand durch moralischen Druck veranlasst werden.
Von anderer Art sind die Probleme, die sich bei der Verpflanzung von Organen soeben Verstorbener auf einen Empfänger ergeben, für den die Übertragung des Organs (Niere, Herz, Leber) lebensrettend oder lebensverlängernd ist.
Bei vielen Menschen bestehen tiefsitzende Ängste und Vorbehalte dagegen, nach dem Tod als Organspender zu dienen oder diese Entscheidung für einen verstorbenen Angehörigen zu übernehmen. Manche meinen, die Ehrfurcht vor dem toten Leib verbiete einen Eingriff in die körperliche Integrität des Verstobenen. Andere befürchten, man könne als sterbenskranker Mensch vorschnell als tot erklärt werden.
Da eine Organentnahme nur dann sittlich erlaubt sein kann, wenn mit Sicherheit feststeht, dass der Organspender tot ist, erweist es sich als notwendig, den Eintritt des Todes einwandfrei festzustellen. Das Erlöschen wahrnehmbarer Lebenszeichen (der letze Atemzug oder der letzte Herzschlag) zur Feststellung des Todes wird den Anforderungen der modernen Medizin nicht mehr gerecht, denn Kreislauf und Atem können auch künstlich aufrechterhalten werden. Viele setzen an die Stelle der früheren Todesdefinition (klinischer Tod) die Definition des „Hirntodes“. Dieser besteht im vollständigen und unwiderruflichen Zusammenbruch der Gesamtfunktion des Gehirns. Die Feststellung des Hirntodes ist ein sicheres Anzeichen dafür, dass der Zerfall des ganzmenschlichen Lebens nicht mehr umkehrbar ist. Es ist von diesem Zeitpunkt an vertretbar, Organe für eine Organverpflanzung zu entnehmen.
Die Möglichkeit, den endgültigen Tod eines Menschen festzustellen, kann die Angst ausräumen, dass Organe entnommen werden, ehe der Mensch tot ist. Darüber hinaus ist die Entnahme von Organen Verstorbener an bestimmte Bedingungen gebunden, denn sie ist ein Eingriff in die Integrität des toten Leibes. Staatliche Gesetze regeln deshalb die Bedingungen für die Erlaubtheit der Organentnahme. Bedeutsam ist die vor dem Tod gegebene Einwilligung des Spenders oder bei Verstorbenen die Zustimmung der Angehörigen. ‚Organverpflanzung ist sittlich unannehmbar, wenn der Spender oder die für ihn Verantwortlichen nicht im vollen Wissen ihre Zustimmung gegeben haben‘ (KKK 2296). Nur in dringenden Fällen, in denen eine unmittelbare Organübertragung des einzige Mittel zur Rettung des anderen Menschen ist, kann die Sorge für die Rettung dieses Lebens Vorrang vor dem Anspruch auf Wahrung der Integrität des toten Leiben haben. Staatliche Regelungen und ärztliche Richtlinien sollen dazu beitragen, dass Missbrauch verhindert wird, zum Beispiel auch, dass Organe von lebenden wie von verstorbenen Menschen grundsätzlich nicht verkauft oder gekauft werden dürfen.
Die christlichen Kirchen sehen insgesamt in der Organspende eine Möglichkeit, über den Tod hinaus Nächstenliebe zu praktizieren, treten aber zugleich für eine sorgfältige Prüfung der Organverpflanzung im Einzelfall ein (vgl. ‚Gott ist ein Freund des Lebens‘, gemeinsame Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz und des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, VI, 4: Organverpflanzung). Ein Spenderausweis kann nicht befohlen werden; die Einwilligung muss frei und gewissenhaft gefällt und vom Motiv der Liebe getragen sein.“ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Band 2, S. 314-316.)
Frage 217: Wenn Gott Allmächtig ist, also alles tun kann, warum braucht er unbedingt einen Sohn? (TR)
Antwort: Die Art und Weise dieser Frage verrät auf Seiten des Fragenden Missverständnisse bezüglich der christlichen Lehre über Gott. Die Allmacht Gottes, die der christliche Glaube bekennt, schließt in keiner Weise den christlichen Glauben an die Dreieinigkeit Gottes aus, daran, dass der eine Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist.
Jesu Gottesbotschaft kann zusammenfasend so ausgedrückt werden: Gott, der Vater, der Allmächtige. Die biblischen Texte machen deutlich, dass mit den Ein-Gott-Glauben nicht gemeint ist: Wir glauben nur an einen Gott und nicht an zwei oder drei Götter. Gemeint ist vielmehr: Wir bekennen, dass unser Gott sich als so einmalig und einzigartig erwiesen hat, dass es ihn wesensmäßig nur einmal geben kann. Denn ein Gott, der durch andere Götter begrenzt oder gar behindert wäre, der wäre nicht mehr der allmächtige Vater. ‚Was als höchste Größe gelten soll, das muss einzig dastehen und seinesgleichen nicht haben…Wenn Gott nicht einer ist, so gibt es gar keinen‘ (Tertullian, church father, ca A.D. 155 – ca 220).
2. Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist
„Der Inhalt des christlichen Bekenntnisses zum dreieinigen Gott lautet in seiner kürzesten Form: ein Gott in drei Personen. Das Bekenntnis sag t also nicht: eine Person = drei Personen, ein Gott = drei Götter, was widersinnig wäre. Das sogenannte Athanasianische Glaubensbekenntnis (das freilich nicht vom hl. Athanasius stammt, sondern vermutlich erst um 500 entstanden ist) formuliert:
‚Wir verehren den einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit, ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.‘ (Neuner Roos, n. 915)
Ähnlich heißt es in der Präfation des Dreifaltigkeitsfestes:
‚Mit deinem eingeborenen Sohn und dem Heiligen Geist bist du (der Vater) der eine Gott und der eine Herr, nicht in der Einzigkeit einer Person, sondern in den drei Personen des einen göttlichen Wesens.‘
Dieses Bekenntnis zum dreieinigen Gott ist ein tiefes Geheimnis, das kein geschaffener Geist von sich aus zu entdecken oder jemals zu begreifen vermag. Es ist das Geheimnis einer unergründlichen und überströmenden Liebe: Gott ist kein einsames Wesen, sondern ein Gott, der aus der Überfülle seines Seins heraus sich schenkt und mittteilt, ein Gott, der in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist lebt und der darum auch Gemeinschaft schenken und begründen kann. Weil er Leben und Liebe in sich ist, kann er Leben und Liebe für uns sein. So sind wir von Ewigkeit her in das Geheimnis Gottes einbezogen. Gott hat von Ewigkeit her Platz für den Menschen. Letztlich ist das Bekenntnis zum dreifaltigen Gott eine Auslegung des Satzes: ‚Gott ist Liebe‘ (1 Joh 4,8.16b). Dass Gott von Ewigkeit her in sich Leben und Liebe ist, bedeutet seine Seligkeit und begründet für uns Menschen inmitten einer Welt des Todes und des Hasses unsere Hoffnung. Wir dürfen im Glauben wissen, dass die letzte und tiefste Wirklichkeit Leben und Liebe ist und dass uns durch Jesus Christus im Heiligen Geist Anteil an dieser Wirklichkeit geschenkt ist.“ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus, S. 85)
Frage 218: Wann ist ein Mensch nach christlichem Verständnis wirklich tot? Wann verlässt die Seele den Leib? Wie sieht man die Situation der Hirntoten, also die nur durch die Maschinen am Leben erhaltenen? (TR)
Antwort: „Tot ist jemand gewöhnlich, wenn der Herztod festgestellt wird. Nach wie vor strittig ist in der medizinischen, philosophischen wie ethischen Debatte der Hirntod als Feststellung des Todes eines Menschen. Offiziell hat sich die katholische Kirche nicht gegen die Feststellung des Hirntodes nach den entsprechenden Regeln medizinischer Diagnostik als Tod des Menschen ausgesprochen, da sie die postmortale Organspende durchaus befürwortet. Ähnlich wie der deutsche Gesetzgeber hat sich aber die Kirche in Sachen Hirntod und seiner Diagnose nicht direkt geäußert. Diese Zurückhaltung halte ich auch für angemessen, denn es ist nicht Sache der Kirche, die Todesdiagnostik zu definieren.“ (Prof. Dr. Josef Schuster, Frankfurt)
Frage 219: Warum hält der Vatikan trotz der jüngst bekannt gewordenen Mißbrauchsfälle weiterhin am Zölibatsgesetz fest? (DE)
Antwort: „Sexueller Missbrauch von Minderjährigen durch katholische Geistliche ist ein besonders abscheuliches Verbrechen. Denn ein Priester befindet sich den Opfern gegenüber in einer Vaterrolle, so dass der Tat etwas Inzestuöses anhaftet. Auf diese Weise kann das Grundvertrauen in die Verlässlichkeit menschlicher Beziehungen verlorengehen, und es darf gerade der Kirche nicht gleichgültig sein, wenn damit auch das Vertrauen auf Gott zerstört oder schwer geschädigt wird“ (Manfred Lütz, „Die Kirche und die Kinder“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 2.2010, S. 31).
Im Zusammenhang mit wünschenswerten seriösen und informierten Diskussionen zu diesem Thema wird nicht selten pauschal behauptet, es gebe eine ursächlichen Zusammenhang zwischen der Ehelosigkeit des Priesters [zu der sich im lateinischen Ritus der römisch-katholischen Kirche der Weihekandidat vor seiner Weihe zum Priester durch ein Gelübde verpflichtet] und den Übergriffen auf Kinder und Jugendliche. Fachleute aus vielen Disziplinen haben solchen Annahmen inzwischen widersprochen. Doch gewiss gibt es in der Frage nach dem etwaigen Zusammenhängen zwischen Zölibat und Missbrauchsfällen manches zu bedenken: Zunächst sorgt sich die Kirche, einschließlich der Priester und vieler anderer Berufe, wie wenige Institutionen in unserer Gesellschaft (abgesehen von Schulen aller Arten) täglich um eine sehr große Zahl von Kindern und Jugendlichen. Das erhöht zweifellos die Kontakt- und Konfliktmöglichkeiten. Ich hoffe, dass die derzeitige Diskussion, die unvermeidlich ist, vielen Frauen und Männern in zahllosen Einrichtungen der Kirche die integre Unbefangenheit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht raubt.
Die Kirche muss freilich nüchtern bedenken, inwieweit die priesterliche Lebensform in höherem Maß pädophil veranlagte Männer anziehen kann, zumal im Blick auf ein Engagement in kirchlichen Einrichtungen. In diesen Einrichtungen besteht nicht nur die Möglichkeit, vielen Kindern in einem geschützten Raum zu begegnen, sondern auch die Aussicht, durch die seelsorgliche Diskretion und die gesellschaftliche Tabuisierung unentdeckt zu bleiben. Die Verantwortlichen unserer Ausbildungsstätten haben diese Gefahr längst erkannt. Aber auch Gespräche mit Fachleuten und entsprechende Information können bei aller Wachsamkeit Fehlbeurteilungen im Einzelfall nicht immer ausschließen. Zweifellos bedarf es in dieser Richtung noch größerer Vorsicht und einer klaren Entschiedenheit“ (Karl Kardinal Lehmann; ‚Kirche der Sünder, Kirche der Heiligen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. April 2010, S. 6).
Es sei noch die dezidierte Auffassung des eben schon zitierten bekannten Kölner Psychiaters und Theologen Dr. Manfred Lütz angefügt. „Was immer man schließlich von der katholischen Sexualmoral halten mag, sie war jedenfalls auch in Zeiten der Verharmlosung von Pädophilie für jeden, der sich daran hielt, ein Bollwerk gegen Kindermissbrauch. Und den Zölibat in diesem Zusammenhang zu nennen ist besonders verantwortungslos. Auf einer Tagung 2003 in Rom erklärten die international führenden Experten ̶ alle nicht katholisch ̶ es gebe keinerlei Zusammenhang diese Phänomens mit dem Zölibat.“ (Manfred Lütz, a. a. O.)
Frage 220: Warum glauben die Katholiken, dass Jesus in der Eucharistie wirklich gegenwärtig sein soll? Und warum lehnen die Protestanten das ab? (TR)
Antwort: Der Fragende lese erneut Kapitel 7 („Heilige Eucharistie“, traditionell auch „Heilige Messe“ genannt, besonders Teil III und IV oben auf dieser Webseite. Dann auch die Antwort auf Frage 20 in ‚Fragen und Antworten 1‘, ebenfalls oben auf dieser Webseite.
Wie in diesen Texten schon dargestellt, spricht Jesus beim letzten Mahl mit seinen Jüngern ein tief geheimnisvolles Wort: „Dies ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ ̶ „Dies ist der Kelch in meinem Blute, das für euch und für die vielen vergossen wird“. Der Theologe Otto Hermann Pesch schreibt dazu:
„Zunächst sagen uns diese Wort noch einmal: Die Hingabe Jesu in den Tod ist in dieser Mahlfeier, der Eucharistie (Dankes-)feier gegenwärtig, und diese Hingabe gilt zugleich dem Vater im Himmel und den Menschen. Deswegen nennt man auch seit langer Zeit die Messe „Das Opfer des neuen Bundes“. Denn wo früher das Opfer des Osterlammes stand, da steht jetzt die Hingabe Jesu an Gott für die Menschen. Im Unterschied zu den alten Opfern gilt die Hingabe Jesu aber ein für allemal, darum ist die Messe kein neues Opfer und auch keine Wiederholung des Kreuzesopfers, sondern die Vergegenwärtigung des einen, ein für allemal geschehenen Kreuzestodes Jesu, der als das Opfer des Neuen Bundes an die Stelle des Osterlammes und aller Opfer des Alten Bundes getreten ist.
Die Worte Jesu sind aber noch in anderer Hinsicht geheimnisvoll. Jesus setzt sich mit den Gaben gleich, die er den Jüngern reicht und zu seinem Gedächtnis zu reichen befiehlt. Denn „das ist mein Leib ̶ das ist mein Blut“: das bedeutet „das bin ich“. Wie soll man das verstehen? Die Geschichte kennt eine Fülle von Erklärungsversuchen. Kein einziger kann das Geheimnis dieser Worte ganz aufhellen, auch wir können es nicht. Aber wir können die Richtung angeben, in der wir uns die Gleichsetzung Jesu mit den Gaben oder, wie wir jetzt besser sagen: die Gegenwart Christi in den Gaben vorstellen können.
Eines ist klar: Es handelt sich nicht um irgendeine Zauberei. Weder verwandeln sich das Brot und der Wein äußerlich in Jesu Leib und Blut, noch ist Jesus seiner irdischen Gestalt nach irgendwie in Brot und Wein. So gesehen sind Brot und Wein in ihrer äußeren Gestalt ̶ Form Farbe, Geschmack, Bestandteile ̶ das Zeichen der Gegenwart Christi. Wie kann aber eine Person sich mit den Zeichen, die ihre Gegenwart bezeichnen, gleichsetzen? Denken wir uns einen Ehemann, der seiner Frau jedes Jahr am Hochzeitstag 25 Rosen schenkt, wie er sie bei der Vermählung geschenkt hat. Was würde das bedeuten? Der Mann würde damit seiner Frau sagen: In diesen Rosen steckt der Ausdruck derselben Liebe zu dir wie bei der Hochzeit. Diese Rosen sind meine Hingabe an dich, heute so wie damals. Mit diesem Vergleich sind wir ganz nahe am Geheimnis der Worte Jesu: Jesus ist nicht überall gegenwärtig, er ist persönlich gegenwärtig, unsichtbar, aber wirklich; es ist gegenwärtig durch seine Liebe; und diese Liebe ist dieselbe wie die, die ihn für uns in den Tod gehen ließ, ausgedrückt in denselben Gaben wie denen, die er damals im Abendmahl reichte.
Nur eines ist anders in dem Beispiel mit den Rosen, und hier scheitert unsere Vorstellungskraft: Auch das ausdrucksstärkste Zeichen, das Menschen sich ausdenken können, hebt den Unterschied zwischen dem Zeichen und dem, der es gibt, nicht auf. Die Rosen sind nicht der Mann.Vor allem aber: Der Mann könnte ja auch nur so tun als ob, er könnte Liebe heucheln ̶ menschliche Zeichen sind nie völlig zuverlässig. Beides fällt bei Jesus weg. Seine „Zeichen“ sind völlig zuverlässig. Heuchelei ist völlig ausgeschlossen. Und weil er nicht mehr unser Leben in Raum und Zeit teilt, kann er auch den Unterschied zwischen Zeichen und Person aufheben, er kann seine ganze Wirklichkeit unsichtbar in die Zeichen seiner Hingabe hineingeben. Das können wir uns in der Tat nicht mehr vorstellen, wir können es nur dem Worte Jesu glauben und in diesem Glauben uns seiner Nähre bei uns freuen.
Die Gegenwart Christi, der für uns in den Tod gegangen und von Gott auferweckt worden ist ̶ das ist […] die Nähe Gottes selbst, die unser Leben heil macht. Unser ganzer Glaube kommt also in der Messe zusammen. Wir hören die Botschaft (Lesungen), lernen sie in unser Leben zu stellen (Predigt), feiern das Gedächtnis jener Ereignisse, in denen Gott uns unwiderruflich nahegekommen ist, nämlich Tod und Auferstehung Jesu, erfahren seine Gegenwart im Empfang der Gaben, lassen uns an die Konsequenzen für unser Leben erinnern… Darum nennt die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils die Messe „den Höhepunkt, dem das Tun der Kirche zustrebt, und zugleich die Quelle, aus der all unsere Kraft strömt“ (Artikel 10)“. Das meint nicht, wir müssten immer in Hochstimmung sein, wenn wir an der Messe teilnehmen. Es ist ein sachlicher „Höhepunkt“. Nirgendwo im Tun der Kirche und im christlichen Leben ist der ganze Glaube so unter allen Gesichtspunkten zusammengefasst, nirgendwo kann er sich so konzentriert auf sich selbst besinnen wie in der Messe.“ (Kleines katholisches Glaubensbuch [Topos Taschenbücher 539]. Kevelaar, 2009, S. 101-103.)
Zu den verschiedenen Infragestellungen der kirchlichen Lehre über die Gegenwart Christi in der Hl. Eucharistie schreibt der Katholische Erwachsenen-Katechismus:
„Im Lauf ihrer Geschichte musste die Kirche die wirkliche Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie mehrfach verteidigen und zugleich tiefer klären. Bereits im ersten und zweiten Abendmahlsstreit im 9. bzw. im 11. Jahrhundert hatte sich die Kirche gegen ein rein geistiges und rein symbolisches Verständnis der Eucharistie zur Wehr zu setzen. Auf der anderen Seite musste sie sich damals ebenso gegen ein grob-sinnliches Missverständnis abgrenzen, ähnlich wie es die Leute von Kafarnaum hatten, die meinten man könne in der Eucharistie Christus empfangen so wie man natürliches Brot isst. (vgl. Joh 6,52). Gegenüber beiden Missverständnissen lehrte das IV. Laterankonzil (1215) die Wesensverwandlung von Brot und Wein in der Eucharistie. In den Auseinandersetzungen mit den Reformatoren im 16. Jahrhundert mussten diese Fragen in neuer Weise wieder aufgegriffen werden. Luther hielt zwar gegenüber dem rein symbolischen Verständnis von Zwingli entschieden and der wirklichen Gegenwart von Leib und Blut Jesu Christi ‚in und unter Brot und Wein‘ (Großer Katechismus) fest. Aber er verwarf die katholische Lehre von der Wesensverwandlung wegen der damit verbundenen begrifflichen Probleme und wandte sich gegen die Fortdauer der Gegenwart Jesu Christi über die Abendmahlsfeier hinaus, weil das Abendmahl für den Gebrauch der Gemeinde eingesetzt sei. Calvin lehnte auch die Gegenwart in und unter Brot und Wein‘ ab und lehrte, der zum Himmel erhöhte Jesus Christus sei beim Empfang des Abendmahls durch den Heiligen Geist gegenwärtig, Erst in unserem Jahrhundert kam es zu einer gewissen Verständigung zwischen Lutheranern und Reformatoren und zu einer gegenseitigen Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft (Leuenberger Konkordie). Eine ökumenische Annäherung, aber noch keine volle Übereinstimmung, wurde auch zwischen der lutherischen und der katholischen Lehre erreicht. (Das Herrenmahl; in einem größeren ökumenischen Kontext: das Lima-Dokument). Vor allem in der Frage der fortdauernden Gegenwart Jesu Christi aber besteht noch kein Konsens“ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus, Bd. 1, S. 349).
Frage 221: Wie bewertet der Vatikan die politischen Systeme? Ist ein totalitäres Regime mit Christen an der Macht nicht angenehmer für Vatikan? (TR)
Antwort: Kapitel 9 oben auf dieser Webseite: „Geistlich und weltlich“ geht unter III, 2 und IV auf unsere Frage ein. Relevante Aussagen des Katholischen Erwachsenen-Katechismus, Bd. 2, Sektion III, 3: ‚Die Christen und die politische Gemeinschaft‘ (S. 244ff.) geben weiterhin Antwort auf die Frage. Wir zitieren hier in Auszügen aus diesem Text:
„Christen lebten und leben in unterschiedlichen politischen Verhältnissen. Welche Orientierungen gibt ihnen das Evangelium für ihre Einstellung zur politischen Gemeinschaft, auf die Ausübung der politischen Macht und die Stellung der Menschen zur politischen Autorität? […]
Aus der Unruhe der Zeit und den verschiedenen politischen Bestrebungen muss man die Antwort Jesu auf die Frage nach der Steuer für den Kaiser, die jeder Jude zahlen musste (‚Kopfsteuer‘), verstehen. Die Münze mit Bild und Aufschrift enthielt den Anspruch des Kaisers auf göttliche Verehrung. Darum lehnten die Zeloten die Steuer ab, andere waren, wenn auch widerwillig, bereit, sie zu zahlen. Jesus sollte mit der Frage, ob die Entrichtung der Steuer erlaubt sei, in eine Falle gelockt werden. Bejahte er sie, machte er in den Augen seiner Gegner seine Verkündigung der Gottesherrschaft unglaubwürdig; lehnte er sie ab, konnte er als Rebell gegen die kaiserliche Herrschaft angeklagt und verurteilt werden. Die Antwort Jesu: ‚Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und gebt Gott, was Gott gehört‘ (Mk 12,17), hat grundsätzliche Bedeutung. Jesus erkennt zwar das Recht des Staates auf das, was ihm gebührt an, schränkt es aber auch durch die Oberhoheit Gottes ein. Er geht über die politische Fragestellung hinaus und proklamiert das Recht Gottes als das höhere. Darin liegt ein Vorbehalt gegen ungerechte Forderungen und Machtansprüche, in denen Gott missachtet wird. Jesu Wort weist die Richtung, wie man sich gegenüber der Staatsgewalt verhalten soll, gibt aber keine für jede Situation gültigen Handlungsanweisungen. Sein Wort ist in langer Geschichte verschieden ausgelegt worden. Die unterschiedlichen Situationen verlangen jeweils neue konkrete Entscheidungen.
Der realistische Blick Jesu auf die bestehenden and weiterbestehenden Verhältnisse in der Welt und die Anweisung, wie sich die Jünger demgegenüber verhalten sollen, finden an einer anderen Stelle einen klaren Ausdruck. Gegen das Geltungsstreben, in dem auch die Jünger befangen sind, sagt er:
‚Ihr wisst, dass die, die als Herrscher gelten, ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht missbrauchen. Bei euch aber soll es nicht so ein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll der Sklave aller sein‘ (Mk 10,42-44).
Das ist das ‚Grundgesetz‘, das Jesus für die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern aufrichtet, die sich Gott unterstellen wollen. Das gegenseitige Dienen nach dem Vorbild Jesu (Markus 10,45) ist ein Gegenbild zu allem in der Welt herrschenden Machtstreben. Gott will, dass alle Menschen von Unterdrückung und Ungerechtigkeiten befreit werden. Der von Jesus formulierte Grundsatz wird zur Herausforderung für irdisch-menschliches Denken und zur Anklage für jeden Staat, der seine Macht missbraucht, welche konkrete Form er auch besitzt. Durch seine Verkündigung, die an der befreienden Botschaft Gottes orientiert ist, relativiert Jesus jegliche Bindung an eine bestimmte irdische Herrschaftsform. Wo ein Staat seine Macht zum Nutzen aller ausübt, steht er im Dienst Gottes und darf Achtung und Gehorsam beanspruchen.
Paulus fordert in diesem Sinn die römischen Christen auf, sich den übergeordneten (staatlichen) Gewalten zu unterwerfen (Brief an die Römer 13, 1-7). ‚Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt‘ (13,2). Die Bürger schulden der staatlichen Autorität Gehorsam, und zwar nicht allein aus Furcht vor Strafe, sondern auch um des Gewissens willen, da sie im Dienst Gottes steht (13,4f). Aber darin liegt zugleich ein Vorbehalt: Der Staat ist Gott verantwortlich und darf sich nicht absolut setzen. Seine Aufgabe ist es, die Guten zu schützen und die Übeltäter zu bestrafen. Überschreitet der Staat seine Kompetenzen, so erlischt die Verpflichtung zum Gehorsam. […]
Wo staatliche Stellen ihre von Gott gesetzten Schranken überschritten, traten dem von Anfang an die Christen entgegen. […]
In den verschiedenen Aussagen des neuen Testaments zeigt sich, dass die Einstellung er frühen Kirche zur politischen Macht unterschiedlich ist. Soweit sich die politische Obrigkeit nicht gegen das göttliche Recht wendet, leben die Christen als treue Bürger des Staates. Sobald aber die Staatsgewalt missbraucht wird, oder der Staat zum Unrechtsstaat wird, sehen sich die Christen verpflichtet, den Gehorsam zu verweigern. Immer steht die Autorität Gottes höher als die Autorität des Staates.
Im Verhalten der Christen zur weltlichen Macht erhält das Gebot der Feindesliebe besonderes Gewicht. Jesus fordert die Jünger auf, für diejenigen zu beten, die sie verfolgen (Mt 5,44; vgl. Lk 1,28). In den Pastoralbriefen werden die Christen ermahnt, für alle Menschen zu beten, auch für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben (1 Tim 2,1f). Selbst in den Verfolgungen übten die Christen die Feindesliebe (Mt. 5,,44; vgl. Lk 6,28) und hörten nicht auf, für die Regierenden zu beten. Das älteste uns überlieferte Gebet dieser Art formulierte Clemens von Rom um 96 n Chr.:
‚Gib, dass wir deinen allmächtigen und vortrefflichen Namen sowie unseren Herrschern und Vorgesetzten auf Erden gehorsam sind. Du, Herr, hast ihnen die Herrschergewalt gegeben durch deine erhabene und unbeschreibliche Macht…
Lenke ihren Willen auf das, was gut und wohlgefällig ist vor dir, damit sie die von dir verliehene Macht in Frieden und Milde ausüben, gottesfürchtigen Sinnes, und so deiner Huld teilhaftig werden‘“(1 Clemens 60,4-61,2).‘ (Katholischer Erwachsenen-Katechismus, S. 244-248)
Grundlagen und Ziele der modernen politischen Gemeinschaft
Was die Grundlagen und Ziele der modernen politischen Gemeinschaft angeht, so hat hier die Menschenrechtsidee wesentliche Bedeutung erlangt. „Im freiheitlichen Rechtsstaat ist die frühere Ständeordnung aufgehoben. Es herrscht Gleichheit aller Bürger vor dem Recht. Die Gesellschaft ist pluralistisch. In ihr gibt es unterschiedliche Religionen und Weltanschauungen. Der Staat gewährleistet jedem einzelnen wie den in der Gesellschaft bestehenden religiösen Institutionen Religions- und Konfessionsfreiheit. […]
Christen können zwar in jeder Art von politischer Gemeinschaft als Glaubende leben ̶ auch als unterdrückte und schweigende Kirche ̶ aber es ist für Christen nicht gleichgültig, wie die politische Gemeinschaft und ihre Autorität begründet werden, wie diese mit den Menschen, mit der Menschenwürde und den Menschenrechten umgeht und ob sie die Religion anerkennt, unterrückt oder bekämpft.
Zwar kann die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden kein eigenes Mandat über die konkrete Gestaltung der politischen Gemeinschaft beanspruchen, aber ihre religiöse Botschaft drängt von ihrer inneren Dynamik darauf hin, dass sich das menschliche Zusammenleben auf menschliche Weise erfüllen kann. […]
Geht man im Sinne der katholischen Soziallehre und der Menschrechtscharta der Vereinten Nationen davon aus, dass die menschliche Person Wurzelgrund, Träger und Ziel aller Institutionen ist (vgl. Gaudium et Spes 25f; 63), dann entspricht dem Anspruch auf Gleichheit und Mitbestimmung am ehesten der freiheitliche Rechtsstaat mit einer demokratischen Ordnung und einer demokratisch gewählten Regierung. Die zum Staatsvolk vereinten Menschen haben darüber zu bestimmen, welche Regierungsform sie in ihrer konkreten Situation für richtig halten (vgl. Gaudium et Spes 74). Das Zweite Vatikanische Konzil nimmt in seinen Aussagen zur politischen Gemeinschaft bewusst keine Stellung zur Frage nach der bestmöglichen Staatsform. Es betont ausdrücklich: ‚Die Kirche, die in keiner Weise hinsichtlich ihrer Aufgabe und Zuständigkeit mit der politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf, noch auch an irgendein politisches System gebunden ist, ist zugleich Zeichen und Schutz der Transzendenz der menschlichen Person‘ (Gaudium et Spes 76). Die Erfahrungen der Geschichte wie der Gegenwart zeigen, dass demokratische Regierungsformen am ehesten geeignet sind, jene gerechten Verhältnisse zu schaffen, die dem einzelnen wie der Gesamtgesellschaft entsprechen.
Bei einer realistischen Sicht der menschlichen Verfasstheit darf man nicht übersehen, dass es auch in der der Demokratie Gefahren für die Demokratie geben kann. Sie können zum Beispiel darin bestehen, dass versucht wird, Mehrheitsentscheidungen über Angelegenheiten zu erreichen, die nicht in die Zustimmung parlamentarischer Abstimmung fallen, sondern dem Gewissensbereich zugehören und sittliche Fragen betreffen. Eine Gefahr für die Demokratie entsteht auch, wenn Minderheiten missachtet oder unterdrückt werden oder wenn Vertreter von Interessen ungerechten Druck auf die Parlamentarier ausüben.
Wirklich demokratische Machtausübung ist möglich, wenn die eine Herrschaft in mehrere Gewalten aufgeteilt ist. In der parlamentarischen Demokratie wählt das Staatsvolk als obersten Souverän die gesetzgebende (legislative) Gewalt. Diese setzt die vollziehende (exekutive) Gewalt ein und kontrolliert sie. Beide schaffen die Bedingungen für eine unabhängige richterliche (judiziale) Gewalt. Die einzelnen Gewalten begrenzen sich gegenseitig.
Vornehmste Aufgabe der staatlichen Gewalt ist es, die Grundrechte zu schützen. Diese werden den Bürgern nicht von der politischen Autorität gewährt, sondern sind als vorgegebenen zu gewährleisten und politisch durchzusetzen.
Heute gibt es zunehmend weltweite Beziehungen und gegenseitige Abhängigkeiten aller Menschen und Völker. Es zeichnet sich immer mehr die Notwendigkeit ab, das Gemeinwohl nicht nur national, sondern universal zu begreifen und inhaltlich zu bestimmen, zumal durch Wirtschaft, Wissenschaft, Technik , Kommunikation usw. faktisch bereits eine ‚Weltgesellschaft’ existiert. Seit Pius XII haben die Päpste immer stärker auf die weltweite Zusammenarbeit der Staaten hingewiesen und ihre Verantwortung für die Völkergemeinschaft betont. […]
In wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht kann es durchaus sinnvoll sein, wenn die Nationen in verschiedenen Bereichen einer eingeschränkten Souveränität zustimmen. Sie brauchen dabei keineswegs ihre Identität als Rechts- und Kulturgemeinschaft zu verlieren“ (Ebd., S. 244-252).
Glaube und Politik, Kirche und Staat
„Lange Zeit war das Verhältnis der Kirche zur Demokratie nicht spannungsfrei. Die Entwicklung des Staates zum modernen säkularen Staat und vor allem zur freiheitlich rechtsstaatlichen Demokratie hat es ermöglicht, das Verhältnis von Glaube und Politik, wie von Kirche und Staat unbefangener zu sehen als in früheren Zeiten.
Nachdem die Kirche zur freiheitlichen Demokratie ein positives Verhältnis gewann, konnte das Zweite Vatikanische Konzil (1965) über das Verhältnis von Kirche und Staat erklären:
‚Die politische Gemeinschaft und die Kirche sind auf je ihrem Gebiet voneinander unabhängig und autonom. Beide aber dienen, wenn auch in verschiedener Begründung, der persönlichen und gesellschaftlichen Berufung der gleichen Menschen. Diesen Dienst können beide zum Wohl aller umso wirksamer leisten, je mehr und besser sie rechtes Zusammenwirken miteinander pflegen; dabei sind jeweils die Umstände von Ort und Zeit zu berücksichtigen‘ (Gaudium et Spes, 76).
Der Kirche geht es um das Heil des Menschen in der Verherrlichung Gottes durch die Nachfolge Christi. Dieses Heil ist in der Gottesreichverkündigung, im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi grundgelegt, es ist ‚verborgen‘ und wird in seiner Vollgestalt erst bei der Wiederkunft Christi sichtbar werden. Weltgeschichte und Heilsprozess sind miteinander verbunden, lassen sich aber nicht in ein den Menschen verfügbares innerweltliches System bringen. Einen ‚Gottesstaat‘ kann es auf Erden nicht geben. Darum liegt es auch nicht im Auftrag der Kirche, im Bereich von Politik and Wissenschaft irdische Verhältnisse zu planen und zu gestalten. Die Kirche trägt dazu bei, dass sich in der Gesellschaft Gerechtigkeit und Liebe entfalten, sie verkündet Grundsätze der Gerechtigkeit, und sie übt öffentliche Kritik, wenn politische Verhältnisse der Würde des Menschen widersprechen (vgl. Gaudium et Spes, 63; 76).
Die Kirche stellt aber kein politisches Aktionsprogramm auf. Die Sendung, die Christus ihr aufgetragen hat, und das Ziel, das er ihr gesetzt hat, gehören der religiösen Ordnung an (GS 42). Ihre Sendung unterscheidet sich klar vom Auftrag der Politik. Das geduldige ‚Harren auf die Vollendung der Kinder Gottes‘ (Röm 8,19) umfasst aber auch ‚die Sorge für die Gestaltung der Erde‘ (GS 39). Die Kirche ist ‚Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit‘ (Lumen Gentium 1; vgl. GS 42). Indem sie den Glauben verkündet und die Glaubenden durch die Sakramente heiligt, verbindet sie die Menschen mit Gott. Daraus soll eine neue, menschlichere Weise des Zusammenlebens erwachsen. Ein wesentlicher Bereich, in dem der Christ als Staatsbürger diesem Anspruch gerecht werden soll, ist der Bereich des politischen Handelns. Der Christ darf sich nicht von der politischen Verantwortung dispensieren und aus Angst davor ‚sich die Hände schmutzig zu machen‘, von der Politik fernhalten. […]
Wo politische Richtungen zu innerweltlichen Heilsbewegungen werden und den Versuch unternehmen, den Staat zur umfassenden, sinnentscheidenden Größe des menschlichen Daseins zu machen, sind Christen verpflichtet, humane Wertvorstellungen in die Gesellschaft einzubringen und zu verhindern, dass der Mensch zur bloßen Funktion von Staat und Gesellschaft wird. […]
Für Christen gilt die Weisung: ‚Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott was Gott gehört‘ (Mk 12,17). Dieses Wort fordert dazu auf, der politischen Autorität zu geben, was ihr zusteht, aber auch nur das. Der Christ kann und darf Forderungen, die mit dem eigentlichen und letzten Ziel des Menschen unvereinbar sind, nicht seine Zustimmung geben. ‚Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen‘ (Apg 5,29).“ (Ebd., S. 252-254).
Frage 222: War Abraham ein Inder? Auf einer Homepage wird behauptet, dass der jüdische Historiker Flavius Josephus geschrieben habe, die Juden seien ursprünglich Inder gewesen. (DE)
Antwort: Die Argumente für die angebliche Auffassung des jüdischen Historikers Flavius Josephus (ca A.D. 37 ̶ ca 100) sowie die genannte Homepage sind mir unbekannt. Allgemein wird der altisraelitische Patriarch Abraham (‚Vater der Völker‘), dessen Name ursprünglich Abram (nordsemitisch: ‚Der [Gott] Vater ist erhaben‘) lautete, historisch als nordwestsemitisch-halbnomadischer Kleinviehzüchter aus dem 18./19. Jahrhundert vor Christus betrachtet, der im Glauben zum Stammvater dreier Weltreligionen: Judentum, Christentum und Islam wurde. „Abraham durchwanderte mit seiner an dem ‚Gott des Vaters‘ , El, orientierten Gruppe das Land. Dieser Gott El ist weder an den Himmel noch an eine bestimmte Kultstätte gebunden, sondern an diesen ‚Vater‘, dem er sich offenbarte, sowie an dessen Clan, mit dem er immer mitwanderte. Gott erscheint als Hirte, der die habnomadischen Clans der Patriarchenzeit schützt. Auch wenn sich Abrahams Wanderungen auf den Bereich um Hebron konzentriert haben dürften, zeichnet sie das Buch Genesis auf dem Hintergrund seiner theologisch-literarischen Gesamtkonzeption wesentlich großräumiger, stellt sie in völkergeschichtliche Zusammenhänge. Abraham wird als Vorbild des Glaubenden gedeutet. Die Geschichte von der Opferung seines Sohnes Isaak zeigt, dass Abraham bereit war, alles zu geben. Gott lehnte jedoch das Menschenopfer ab.“ (Udo Tworuschka, Lexikon: Die Religionen der Welt. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1999, S. 14f.)
Frage 223: Nach dem Buch Genesis im Alten Testament haben Adam und Eva nur zwei Söhne gehabt. Wie haben sich die Menschen dann vermehrt? (TR)
Antwort: Zwei Gegenpositionen antworten auf die Frage, ob alle Menschen von einem ersten Menschenpaar abstammen (Monogenismus) oder von mehreren, die ungefähr gleichzeitig an verschiedenen Orten (Ostasien, Afrika) auftraten (Polygenismus). Die Bibel gibt auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Die biblischen Erzählungen von der Erschaffung des ersten Menschenpaares stellen nach heutiger exegetischer Erkenntnis nicht eine wissenschaftliche, historische Position zur Frage der menschlichen Abstammung dar, sondern verkünden die Glaubensüberzeugung, dass Gott der Schöpfer der Menschheit und Herr der Menschengeschichte ist. Im Neuen Testament knüpft die Adam-Christus-Parallele (Römerbrief 5,12-21; 1. Korintherbrief 15,20-22) zwar an die alttestamentliche Schöpfungserzählung an; aber es geht eigentlich darum, die durch Christus eröffnete neue Heilssituation mit der Situation vor Christus zu kontrastieren.
Frage 224: Darf ein Christ, der wegen einer Ehe zum Islam übergetreten ist, zurückkonvertieren? (DE)
Antwort: Die Frage ist verwickelt. Ich unterteile sie deshalb in a) und b). Also a): Der Christ (gemeint ist wohl hier: ein Katholik), der zum Islam übergetreten ist, darf nicht nur (zum Katholizismus) zurückkonvertieren, er muss es auch. Solange er es nicht tut, ist er ein Apostat und deshalb eo ipso exkommuniziert (vgl. can. 1364 § 1). Dann b): Ist (kirchenrechtlich gesehen) die Ehe einer Person, die aus der Kirche austritt und dann (in irgendeiner anderen Form) heiratet (z.B. nur staatlich oder in der Form des Islam), gültig? Gemäß can. 1117 CIC/1983 war sie gültig. Da dieser canon am 19. Dez. 2009 vom Papst geändert wurde, sind hinfort solche Ehen nicht mehr gültig. Es gilt jetzt wieder der alte Grundsatz: „Einmal katholisch, immer katholisch“. (Prof. Dr. Reinhold Seebott, Frankfurt)
Frage 225: Wo steht in der Bibel, dass Jesus für die Sünde der Menschheit gestorben sei? Hat er so was gesagt? Wer hat diese Aussage zum ersten Mal propagiert? (EN)
Antwort: Diese Frage gehört in den Kontext der umfassenderen Frage nach der Heilsbedeutung des Todes Jesu am Kreuz. Zunächst ist hier deshalb zu sprechen über den Heilswillen Gottes, dann darüber, was gemeint ist, wenn vom Sühnetod Jesu gesprochen wird.
Gottes Heilswille
Das Neue Testament versteht die gehorsame Hingabe Jesu an den Willen des Vaters „für uns“ als seine Antwort auf die Hingabe Jesu durch Gott, seinen Vater. Es war keine leichte Aufgabe für die früheste Kirche mit dem Skandal des schändlichen Todes des unschuldigen Jesus von Nazareth am Kreuz fertigzuwerden. „Der schändliche Tod Jesu am Kreuz war für jüdische Menschen ein Gottesgericht, ja ein Fluch (vgl. Gal 3,13), für die Römer eine Schmach und, wie nicht wenige Zeugnisse belegen, ein Grund zu Verachtung und Spott. Paulus schreibt:
‚Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit‘ (1 Kor 1,22-23).
„Doch die Urkirche erinnerte sich an Jesu eigene Worte beim Letzen Abendmahl; im Licht der Auferweckung Jesu durch Gott wurde ihr vollends bewusst, dass dieser so anstößige Tod Jesu zwar auf der vordergründigen Ebene der Geschichte durch den Unglauben und die Feindschaft von Menschen bewirkt wurde, dass dahinter aber Gottes Wille, Gottes Heilsplan, ja Gottes Liebe steht. Sie erkannte im Weg Jesu durch Leiden und Tod ein göttliches ‚Muss‘ (vgl. Mk 8,31; Lk 24,7.26.44), das bereits im Alten Testament vorgezeichnet ist. Deshalb heißt es bereits in einer der ältesten Überlieferungen des Neuen Testaments, die Paulus in seinen Gemeinden vorfand, als er sich bekehrte, Jesus sei gemäß den Schriften für uns gestorben (1 Kor 15,3). Daraus ergaben sich verschiedene Ansätze, um den tieferen göttlichen Sinn des Todesgeschicks Jesu zu deuten: Nach einer frühen Deutung teilt Jesus das Los der Propheten, die von Israel abgelehnt und getötet worden waren. (vgl. Lk 13,34; Mt 23,29-31.35) Darum erwartet ihn in Jerusalem, der Gottesstadt, der gewaltsame Tod, ‚denn ein Prophet darf nirgendwo anders als in Jerusalem umkommen‘ (Lk 13,33). Der alte, von Markus übernommene Passionsbericht schildert Jesus als den von den Menschen verfolgten, unschuldig leidenden Gerechten; er sieht Jesu Schicksal in dem Leidenspsalm 22 vorgezeichnet. Von besonderer Bedeutung wurde das vierte Lied vom leidenden Gottesknecht im Jesajabuch (vgl. Jes 52,13 – 53,12), das vom Neuen Testament als auf Jesu gerichtete Weissagung gedeutet wurde. So kann Paulus im Tod Jesu die unergründliche Liebe Gottes erkennen, der selbst seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns dahingegeben hat (vgl. Röm 8,32.39; Joh 3,16), um in ihm die Welt mit sich zu versöhnen (vgl. 2 Kor 5,18-19). Das Kreuz ist das Äußerste der sich selbst entäußernden Liebe Gottes.” (Katholischer Erwachsenenkatechismus, Bd. 1, S. 188.)
Jesu stellvertretender Sühnetod
„Die Deutung des Todes Jesu als stellvertretendes Leiden und Sterben findet sich in den Abendmahlsberichten des Neuen Testaments und geht somit im Kern auf Jesus selbst zurück. Das zeigt zum Beispiel das sehr alte Wort:
„Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45)
Die Deutung des Todes Jesu als stellvertretendes Leiden ist bereits in die älteste Gemeindeüberlieferung eingegangen (vgl.1 Kor 15,3), und sie wird im Neuen Testament immer wieder aufgegriffen und vertieft (vgl. Joh 10,15; 1 Joh 4,10; 1 Petr 2,21-25; 1 Tim 2,6 u.a.). In besonderer Weise hat Paulus den Stellvertretungsgedanken aufgenommen und sogar von einem Platztausch zwischen Jesus Christus und uns gesprochen. Er geht so weit zu sagen, Jesus sei für uns zum Fluch (vgl. Gal 3,13), ja er, der Sündlose, sei für uns zur Sünde gemacht worden, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden (vgl. 2 Kor 5,21).“ (Katholischer Erwachsenen Katechismus,(Band 1, S. 189)
Dabei ist es notwendig, den Stellvertretungsgedanken, wie er in der Bibel auftaucht, als eine menschliche Grundgegebenheit zu sehen. Der Gedanke basiert auf der Einsicht in die solidarische Verbundenheit aller Menschen. Die Bibel nimmt diesen Gedanken auf und macht ihn „zu einem Grundgesetz der gesamten Heilsgeschichte: Adam handelt als Repräsentant der ganzen Menschheit und begründet die Solidarität aller in der Sünde, Abraham wird als Segen für alle Geschlechter berufen (vgl. Gen 12,3), Israel als Licht für die Völker (vgl. Jes. 42,6). Die Heilige Schrift konkretisiert diese Idee durch den Gedanken vom stellvertretenden Leiden, der sich schon im vierten Gottesknechtslied findet:
‚Er hat unsere Krankheiten getragen Und unsere Schmerzen auf sich geladen… Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt… Denn er trug die Sünden von vielen Und trat für die Schuldigen ein‘ (Jes 53,4-5.12).
Der für die Bibel so zentrale Stellvertretungsgedanke ist besonders geeignet, um im Glauben verständlich zu machen, wie der Tod Jesu für uns Heilbedeutung haben konnte. Die Folge der Solidarität der Menschen in der Sünde war ja die Solidarität aller im Todesschicksal. Darin zeigt sich vor allen die heil- und hoffnungslose Situation des Menschen. Indem nun Jesus Christus, die Fülle des Lebens, mit uns im Tod solidarisch wird, macht er seinen Tod zur Grundlage einer neuen Solidarität. Sein Tod wird nun für alle, die unter dem Schicksal des Todes stehen, zur Quelle neuen Lebens.“ (Ibid., S. 188f.)
Frage 226: Wenn Dreifaltigkeit Gottes wahr ist, warum hat keiner der Propheten des Alten Testaments davon gesprochen? (EN)
Antwort: Der oder die Fragende lese noch einmal sorgfältig zunächst die von uns schon auf Frage 1, Frage 11 und Frage 23 gegebenen Antworten. Vor allem den ersten Paragraphen der Antwort auf Frage 23 (weiter oben, in Sektion 2).
Die Frage scheint vorauszusetzen, dass die Propheten des Alten Bundes explizit über die zentralen theologischen Lehren der Christen im Neuen Bund gesprochen haben oder gesprochen haben müssten, käme diesen Lehren ̶ wie etwa der Lehre von der Dreieinigkeit Gottes, der Lehre von der Inkarnation des Wortes Gottes in Jesus Christus, der Lehre von der sühnenden Kraft des Todes Jesu Christi ̶ irgendein Wahrheitsgehalt zu. Die Propheten der Bibel waren jedoch keine Wahrsager über zukünftige Ereignisse und Lehren! Sie waren beauftragt und befähigt Gottes Handeln und Sprechen in der Geschichte auszumachen, zu erkennen und zu interpretieren.
Der Gott der Geschichte
Der Gott des biblischen Glaubens ist nämlich Gott der Geschichte. Der Lebendige, Zeit und Raum Umfassende und Übersteigende kommt erfahrbar in bestimmte konkrete Situationen hinein, an bestimmte Orte der Anrufung. Er begibt sich auf gezielte Weise in unsere raumzeitliche, geschichtliche Existenz hinein in der Weise einer auffälligen, überraschend neuartigen Wahrnehmbarkeit: Er kommt im Traum, um zu mahnen(Gen. 20,3; 31,34), er kommt verhüllt in der Wolke, um Mose vor dem Volk Ansehen zu geben (Ex 19,9); er kommt zum Altar, um zu segnen (Ex 20,24). „Er ist ein Gott aus Erfahrung. Es ist eine Erfahrung, die eingeholt wurde in und aus der Geschichte Israels, und eine Erfahrung, von der einzelne betroffen wurden.[…] Im Drama dieser überwältigenden geschichtlichen Erfahrungen, die ihrerseits tiefe Betroffenheit auslösen und jubelnde Zuversicht angesichts der göttlichen Liebe, andererseits aber peinliches Erschrecken vor seiner strafenden Härte und schmerzliches Ringen um seine unbegreifliche Gerechtigkeit, wird in der ‚Erinnerung‘ des Volkes dies zur gläubigen Gewissheit: Der ganz Andere ist den Menschen liebend nahe. Er bleibt der geheimnisvoll Unbegreifliche und erweist sich doch in seiner lebendigen Zuwendung als der Gott für seine ‚Familie’, für Israel zunächst, aber darüber hinaus als der Gott für die Menschen und für die Welt. Seine Zuwendung gehört so sehr zu ihm, dass sie seinen ‚Namen‘, das heißt sein Wesen, ausmacht: ‚Ich bin da für euch‘ (vgl. Ex 3,14).“ (Theodor Schneider, Was wir glauben. Eine Auslegung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Düsseldorf: Patmos, 1988, S. 105.)
„Die zentrale Selbstkundgabe Gottes [in der Geschichte des alten Bundes und folglich in den Heiligen Schriften dieses Bunds] lässt sich also in einer spannungsreichen, dialektischen Aussage so zusammenfassen: der einzige, welttranszendente, weltunabhängige und unbegreifbare Gott, der in seinem absoluten Selbstbesitz Mächtige und Ewige, hat sich in freier Selbsverfügung zu einem Gott für die Welt und für die Menschen gemacht. Der welttranszendente Gott transzendiert sich selber in seiner personalen Freiheit auf die Welt und auf die Menschen hin und zeigt diese freie Selbstzuwendung als sein eigentliches Wesen.“ (ebd.)
Der in Ex 3,14 geoffenbarte Name Gottes „Jahwe“ ist ein hebräischer Kurzsatz: „Ähjäh, ascher ähjäh“. Er ist ein Wortspiel mit dem hebräischen Verbum „hajah ̶ sein“. Er ist ein Kurzsatz zur Kennzeichnung des Wesens Gottes, eine Art „Kennwort“ Gottes: Er ist der, der befreiend auf sein Volk zukommt, die offene, befreiende Zukunft, der Auf-uns-Zukommende.
Besonders deutlich wird diese ungewöhnliche und überraschende Wahrnehmbarkeit Gottes, das Kommen Gottes, mit dem erhofften und erwarteten Ziel unseres Weges, dem Ende der Geschichte verbunden (vgl. Ps 50,2-6). Wie der Morgenstern, wie die Sonne wird Gott strahlend aufgehen über der Gemeinde seiner Frommen. Dann wird es endgültig und für immer Tag für die ganze Schöpfung:
„In die Hände klatschen sollen die Ströme, die Berge sollen jubeln im Chor, vor dem Herrn, wenn er kommt, um die Erde zu richten“ (Ps 98,8).
Die Jünger erkennen in Jesus „das menschgewordene Wort Gottes“
„Die ersten Glaubenden erfahren im Sterben Jesu, in seiner Auferstehung und in der Sendung des Geistes den einen und einzigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs auf eine ganz besondere Weise als den „Vater unseres Herrn Jesu Christus“; das heißt als den Gott, zu dem Jesus in grenzenlosem Vertrauen betet und ihn dabei zärtlich das „Abba“, „lieber Vater“ anredet, dem er in ganz Israel Raum geben will, damit sein Heilswille, sein Heilsplan Wirklichkeit werde ̶ „wie im Himmel so auf Erden“. Dessen nahekommendes Reich verkündet Jesus und lässt es durch sein Tun schon anbrechen, ankommen; in dessen Namen und Vollmacht vergibt Jesus Sünden und heilt Kranke, erweckt Tote, besiegt die dämonischen Kräfte, dessen unendliche Barmherzigkeit und Güte vergegenwärtigt er, zumal in seiner Leidenshingabe am Kreuz „für euch und für alle“; dessen Gericht ist ihm als dem erhöhten und „kommenden Menschensohn“ übertragen.
Dabei ist Jesu Verhalten diesem Vater-Gott gegenüber völlig eindeutig: Er steht ihm gegenüber, er verweist ständig auf ihn, er ist verschieden von ihm, denn er ist ein sterblicher Mensch wie wir; eben der „Menschensohn“. Und doch sieht die junge Kirche ihn aufgrund seines Lebens, Sterbens und Auferstehens in einzigartiger Weise als das „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,15), als den verheißenen Immanuel, den „Gott mit uns“ (Mt 1,23). Seine Nähe zum Vater, seine vertrauende und liebende Beziehung zu ihm und darum seine innere Einheit mit ihm wurde als so eng, so intim, so einzigartig erlebt, dass den Glaubenden immer klarer wurde: bei aller Verschiedenheit vom Vater-Gott ist Jesus doch auch untrennbar mit ihm verbunden, gehört er als der „Sohn“ schlechthin untrennbar zu diesem seinen Vater, und dies immer schon, vor aller Zeit und Schöpfung, als die ewige „Weisheit“ Gottes, in der Gott die Schöpfung von Ewigkeit her „entworfen“ hat, und als das ewige „Wort“ (logos) Gottes, mit dem Gott die Schöpfung am Anfang ins Dasein gerufen und so zum Existieren gebracht hat. „Weisheit“ und „Wort“ Gottes sind Begriffe, die die Weisheitstheologie des Alten Testamentes, die Logos-Theologie des jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien (zur Zeit Jesu) und die rabbinische Thora-Theologie schon bereitgestellt hatten und die von den ersten Christen auf Jeus übertragen wurden. Denn in ihm hat sich diese Weisheit Gottes in der Zeit „verkörpert“ (1 Kor 1,24-31); in ihm ist der Logos, das Wort Gottes „Fleisch geworden“ (Joh 1,14); in ihm ist die Liebe Gottes in menschlicher Gestalt „erschienen“ (Tit 3,4), in ihm hat sich Gott selbst, so wie er ist, uns offenbart und geschenkt.
In der Sprache der griechischen Philosophie haben die großen Konzilien der ersten sechs Jahrhunderte diese Erfahrung der frühen Christenheit so ausgedrückt: „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, eines Wesens mit dem Vater“ (großes Credo). Auch wenn hier eine andere, eben die philosophische Reflexionsebene des griechischen Denkens beschritten wird, gilt für sie dasselbe wie für die biblische, mehr bildhafte Sprache. Es sind Versuche, drei Sachverhalte zusammen zu denken und im gläubigen Vollzug zusammenzuhalten:
(1) Das monotheistisches Gottesbild: Es gibt nur einen Gott; (2) das ungekürzte Menschsein Jesu: Er ist in allem uns gleich, außer der Sünde (Konzil von Chalzedon); (3) das Maximum an denkbarer Einheit zwischen Gott und Jesus: Sie sind voneinander unterschieden, stehen aber in einer einzigartigen und untrennbaren Beziehung zueinander.
Das sind bis heute die drei Kriterien oder Leitplanken, an denen sich jedes christliche Verstehen der Gestalt Jesu orientieren muss, gleichgültig welche Bilder und Begriffe jede Zeit und jede Kultur dafür im Einzelnen auch finden mag. Dabei gelten die christlogischen und trinitätstheologischen Dogmen der erste Konzilien als kulturübergreifende Orientierungspunkte, die niemals außer Acht gelassen werden dürfen.“ (Medard Kehl, Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen. „An den dreieinen Gott glauben. Warum die kein entbehrliches theologisches Glasperlenspiel in der Begegnung mit dem Islam ist“. (unveröffentlichtes Skript)
Die Propheten des Alten Bundes haben also die Entwicklung des trinitarischen Glaubens und die Lehre von der Dreieinigkeit also nicht vorhergesagt. Sie haben jedoch jeweils in ihrer Zeit und Epoche erkannt und verkündet, dass der eine Gott ihres Glaubens „Jahweh“ ist: „Ich bin da für euch“ und von diesem Seinem Wesen seinem Volk unverbrüchliche Vergebung, Barmherzigkeit und Treue gewähren wird. Jesus wurde von seinen Eltern und Lehrern eingeführt in diesen Glauben und konnte nur von dort her sei Wesen und sein Aufgabe als das in der Geschichte endgültig angekommene „Wort“ Gottes verstehen. Der Glaube an Jesus als das fleischgewordene Wort Gottes eröffnete dann den Weg zur vollen Ausbildung des christlichen Trinitätsglaubens.
Frage 227: Als die Menschheit über sich und die Welt wenig Information hatte war die Religion ein sehr nützliches Werkzeug. Jetzt werden fast jeden Tag neue Wirklichkeiten, die man bisher nicht kannte, erforscht und erklärt. Wie viele Jahre noch werden die Religionen gelten? Können die Religionen auch dieses Jahrhundert überleben? (TR)
Antwort: Es geht in den Religionen nicht um die Bereitstellung von Informationen über den Menschen und die Welt. Das ist die Aufgabe der Natur- und Humanwissenschaften.
„Religion bezeichnet allgemein (d.h. wenn rein deskriptiv ohne Werturteile alles umfasst werden soll, was sich geschichtlich als Religion anbietet), das Verhältnis des Menschen zum Heiligen, das als subjektive Religion Verehrung, Anbetung ist und sich als objektive Religion verkörpert im Medium des Bekenntnisses, des Wortes, der Handlungen (Gebärden, Tanz, Waschungen, Salbungen, Segnungen, Opfer, Opfermahl) und des Rechts. Dieses Verhältnis ist nur möglich, insofern das Heilige dem Menschen erscheint. Religion aber ist die Antwort des Menschen auf dieses Erscheinen [des Heiligen) und als eine solche dem Verfall ausgesetzt wie alles menschliche und noch mehr als alles übrige Menschenleben, weil nämlich der Mensch in der Religion Anteil gewinnt am Heiligen, damit seine äußerste Möglichkeit ergreift, aber sowohl in der Hingabe an Gott, den alle Heiligketi gehört, wie auch in der Eigenmächtigkeit, in der der Menschen den Namen Gottes missbraucht, sich des Heiligen bemächtigt und darüber verfügt zur bloßen Selbstrechtfertigung.“ (Karl Rahner/Herbert Vorgrimmler, Kleines Theologisches Wörterbuch, Freiburg, Herder, 1961, art. Religion). Wir kommen also durch das Studium der Religionen in Vergangenheit und Gegenwart zur Einsicht in eine Doppeldeutigkeit und eine doppelte Möglichkeit von Religion, die in den konkreten Religionen meist gemischt zusammen realisiert sind. Es gibt daher Verfall und Wiederaufleben von Religionen. Der Untergang der Religionen, oder von einzelnen Religionen, ist wiederholt vorausgesagt worden, allerdings wohl fast immer irrtümlich.
Frage 228: Gott, so lehren Christentum und Islam, ist allmächtig und über alles erhaben. Trotzdem zeigt er sich den Menschen nicht, obwohl er doch alle Fragen bezüglich des Glaubens mit einem Schlag lösen könnte. Ist er scheu? (TR)
Antwort: Der Allmächtige und über alles erhabene Gott des christlichen und islamischen Glaubens bleibt für uns immer undurchschaubar. „Er ist letztlich nicht zu begreifen. Das geben die meisten Menschen gern zu. Aber merkwürdig: Wenn ihr Denken dann an eine solche Grenze stößt, werden viel nervös. Dann sagen sie wohl: Ich kann Gott nicht verstehen, wie soll ich das alles zusammenreimen, ich kann nicht mehr an Gott glauben! […] Das sind Trugschlüsse, die einen nicht weiterbringen. Es ist genau umgekehrt: Wenn einer so von Gott reden würde, als ob alles einfach wäre und problemlos aufgehen würde, dann hätte er uns Gott bestimmt falsch dargestellt. Alles, was wir über ihn sagen können, triff immer nur ein bisschen zu. Er bleibt für uns immer ein undurchdringliches Geheimnis.“
Auf solches Sprechen trifft nicht selten der Protest: „Was nützt mir ein Gott, der so weit weg und nicht zu begreifen ist! Ich möchte ihn nicht nur ahnen, ich möchte mit ihm sprechen, ihn lieben, in ihm geborgen sein!“ Der Autor Winfried Henze schreibt dazu aus seiner eigenen Erfahrung: „Ich habe beides schon erlebt. Dass Gott mir fern und unbegreiflich schien ̶ und dann auch wieder, dass ich ihn ganz nahe fühlte. Fern war er mir, wenn ich mit klugen Gedanken an ihn heranwollte, wenn ich grübelte und Probleme wälzte. Nahe war er mir, wenn ich daran dachte, wie er selber Menschen angesprochen hat. Ich spürte: So wie er damals – zum Beispiel -- Abraham gerufen hat, so ruft er jetzt mich. Manchmal lese ich in der Bibel, dann packt es mich immer wieder: Gott bleibt nicht fern. Er spricht uns an. Er kommt uns nahe. Wir können ihn erleben.“
Gott hat also Abraham gerufen. Der hat sein Haus und seinen reichen Besitz verlassen und ist in die Wüste gewandert. Er hat sich Gott ausgeliefert. Nur Gott war seine Hoffnung und Sicherheit. Er glaubte.
Die Bibel erzählt so etwas von vielen Menschen. Sie haben geglaubt, und das heißt: Sie haben sich Gott in die Arme geworfen. So haben sie seine Größe und seine Liebe gespürt und erfahren. […]
Deshalb lohnt es sich, in der Bibel zu lesen. Sie erzählt, wie Gott sich den Menschen mitteilt, wie er sich ‚offenbart‘. Keiner war ihm so nahe wie Jesus, sein Sohn. Er hat uns Gott ganz nahe gebracht. Wenn all dies, was uns die Bibel erzählt, nie geschehen wäre ̶ ich glaube, dann würde es sich gar nicht lohnen, von Gott zu reden. Dann bleibe er uns immer fern. Gott sei Dank hat er es selber anders gewollt. Er bleibt der Unendliche, der ‚ganz Andere‘, aber er kommt uns nahe. Er hat selber das Geheimnis aufgerissen“ (Vgl. W. Henze, Gott ist schön. Ein katholsicher Familien-Katechismus. Harsum, 2001, S. 21-22).
Frage 229: Maria, sagt der christliche Glaube, sei nur eine Dienerin Gottes und doch bekennt sie derselbe Glaube als Muttergottes? Macht dieser Titel das Christentum nicht ganz ähnlich mit der Trinität der Alt-Ägyptischen Religion? (TR)
Antwort: Der bzw. die die Fragende lese zunächst weiter oben in Sektion 8 unsere Erklärung des Titels „Mutter Gottes“ in der Antwort auf Fragen 71 und 72, besonders den Teil 2 dieser Antwort. Es sei aus den Katholischen Erwachsenen-Katechismus, Bd. 1, S. 171, hinzugefügt:
„Die Verkündigungsgeschichte des Lukas sagt uns noch genauer, was dieses Muttersein [Mariens] bedeutet: nicht nur Mutter Jesu und Mutter des Herrn, sondern Mutter des Sohnes Gottes. „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35); vgl. Gal 4,4). Man kann in dieser Aussage einen Anklang an die alttestamentliche Erzählung finden, wonach die Herrlichkeit Gottes in Gestalt einer Lichtwolke vor Israel hergezogen ist (vgl. Ex 13,21), ja inmitten Israels, im heiligen Zelt, Wohnung genommen hat (vgl. Ex 40,34). Die Wolke ist hier Symbol der machtvollen Gegenwart Gottes inmitten seines Volkes. Wenn nun nach dem Neuen Testament Maria von Gottes Geist überschattet wird, dann ist sie die neue Wohnung Gottes, das neue Zelt des Bundes, in dem Gottes Wort unter uns Wohnung aufgeschlagen hat (vgl. Joh 1,14).
Ausgehend von solchen biblischen Aussagen konnte die Kirche auf dem dritten allgemeinen Konzil, dem Konzil von Ephesus (431), lehren: Maria ist die Mutter Gottes. Dieses Bekenntnis ist allen Christen gemeinsam. Auch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts haben daran festgehalten. Man darf den Ausdruck Gottesmutter freilich nicht missverstehen. Selbstverständlich hat Maria nicht Gott als Gott geboren. Das wäre nicht Evangelium, sondern bare Mythologie, wo oft von einem weiblichen Prinzip in der Gottheit oder manchmal von einer Quaternität (Viergötterei) die Rede ist. Maria, wie sie in der Bibel bezeugt ist und von der Kirche geglaubt wird, ist und bleibt Geschöpf!“ Sie hat nicht Gott als Gott, sondern Jesus Christus seiner mit der Gottheit wesenhaft verbundenen Menschheit nach geboren. So ist das Bekenntnis zur Gottesmutterschaft letztlich ein Bekenntnis zu Jesus Christus, der in einer Person wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Wenn die Kirche Maria als Gottesmutter verehrt, so will sie damit Jesus Christus, der in Person der eine Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, verherrlichen.“
Frage 230: Die islamische Glaubensvorstellung, dass über das Schicksal des Menschen nach diesem Leben -- Paradies oder Hölle -- durch das Abwiegen der guten und bösen Taten wie auf einer Waage entschieden werde klingt ziemlich verwirrend. Gilt auch im Christentum, dass man mit guten Taten seine schlechten Taten tilgen kann? (TR)
Antwort: Diese Frage betrifft ein zentrales Thema des christlichen Glaubens, die sogenannte Frage der „Rechtfertigung“. Winfried Henze hat das Problem, um das es hier letztlich geht, etwas salopp folgendermaßen formuliert: „Von der Kunst, sich beschenken zu lassen“. Er schreibt:
Zur Zeit Jesu gab es „eine Masse von religiösen Vorschriften ̶ Fastengebote, Reinigungsvorschriften, Gebetsverpflichtungen, genaue Anweisungen für das Sabbatgebot, zum Beispiel, wie viele Schritte man gehen darf. Und manche Pharisäer [i. e. eine Gruppe religiöser Lehrer des damaligen Judentums] meinten: Wenn wir das haargenau einhalten, stehen wir vor Gott tadellos da, dann können wir ihm unsere Taten wie ein Rechnung vorhalten. Jesus hat sie scharf zurückgewiesen, und Paulus, der ursprünglich selbst ein Pharisäer war, betonte später immer wieder: Wir kommen vor Gott nicht durch die Erfüllung der Gesetze in Ordnung, sondern Jesu macht uns durch seine Erlösung gerecht. Er ist für die Sünder gestorben, und nur wer seine Gnade annimmt, wer im Glauben Liebe empfängt und erwidert: der ist „gerechtfertigt“. Christ sein heißt: sich von Gott beschenken lassen. Wer sich ganz ihm öffnet, empfängt unglaubliche Schätze: die Vergebung der Sünden, die Befreiung von Sinnlosigkeit, von Hoffnungslosigkeit, die Freundschaft mit Gott. Er wird zu einer neuen Schöpfung, lebt im Licht, statt in der Finsternis, nimmt teil am Heraufziehen der Gottesherrschaft, und er steht nicht unter dem unsinnigen Leistungsdruck, sein Heil selber schaffen zu müssen. Es wird geschenkt.
Dies Einsicht geht manchen gegen den Strich. Sie meinen, der Mensch könne sich selber [durch seine eigene guten Taten] erlösen, auch ohne Gottes Gnade. Das hat (um 400) der antike Irrlehrer Pelagius behauptet, und auch heute gibt es unzählige ‚Selbsterlöser‘. Dagegen wendet sich die Kirche: In ihrem uralten Heilig-Geist-Lied (um 1200) heißt es: ‚Ohne dein lebendig Wehn Kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein noch gesund.‘ (Gotteslob, s. 244) (Winfried Henze, Glauben ist schön. Harsum, 2001, S. 102f.)
Frage 231: Alle Religionen predigen Frieden und reden vom Tun des Guten und Vermeiden des Bösen. Trotzdem bekriegen sie sich überall? Warum? (TR)
Antwort: Nicht die Religionen als solche bekriegen sich, sondern Individuen und Gruppen von Menschen, die eventuell dieser oder jeder Religion zu gehören. Es sollte den Religione darum gehen, dass die Menschen als einzelne und als Gruppen „Instrumente des Friedens“ werden. Das heißt konkret:
„Liebe, die den anderen als Bruder und Schwester anerkennt, überbietet eigene wie fremde Rechtsansprüche; sie durchbricht Aggressivität und Feindschaft; sie sucht Konflikte und Konfrontationen mit friedlichen Mitteln zu lösen und die anderen für Frieden und Versöhnung zu gewinnen. Eine erste Konsequenz ist die Einübung friedlicher Einstellungen und Verhaltensweisen in der heutigen Lebenswelt: in der Familie, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, in Gruppen und Organisationen, in der Kirche:
- Bereitschaft, den anderen Menschen unvoreingenommen zu sehen, andere Gruppen und Völker kennenzulernen und sie in ihrem Anderssein anzunehmen; - Rücksicht auf fremde Bedürfnisse und Klärung der eignen; - Abbau von Vorurteilen und Feindbildern; - Änderung von friedensgefährdenden Einstellungen und Verhaltensweisen; - Fähigkeit zur partnerschaftlichen Zusammenarbeit und zum Kompromiss; - Parteinahem zugunsten Benachteiligter, auch im Hinblick auf die Not in der dritten Welt; - Mitwirkung bei der Überwindung von Unrechtszuständen.“ (Katholischer Erwachsenen –Katechismus, Bd. 2, S. 327)
Insoweit die Lehren der verschiedenen Religionen in den ihnen zugehörigen Mitgliedern diese Ideale predigen, in der Erziehung fördern und wirksam im privaten und öffentlichen Bereich vertreten, können sie mit Fug und Recht als friedensfördernd betrachtet werden. Damit ist implizit gesagt, dass nicht alle ethischen Lehren der verschiedenen Religionen schon deshalb als friedensfördernd betrachtet werden können, weil sie als religiöse Lehren und Vorschriften auftreten.
„Wir erfahren unsere Zeit als Zeit der Kriege als Zeit konfliktgeladener Abwesenheit von Krieg, als Zeit der Bürgerkriege, revolutionärer Aufstände und sozialer Unruhen. Wo Spannungen und Konflikte überhandnehmen, zögern wir, auch wenn kein Krieg ist, von wirklichem Frieden zu sprechen.
Als Christen sind wir trotz dieser Erfahrungen davon überzeugt, dass Frieden möglich ist, weil Gottes Bundestreue die Menschen seit Abraham begleitet und uns im „Evangelium vom Frieden“ (Eph 6,15) schon anfanghaft der „Friede Gottes“ geschenkt wurde, „der alles Verstehen überseigt“ (Phil 4,7). Darum denken wir den Gedanken des Friedens von dem größeren und umfassenderen Frieden her, der in der Verheißung Gottes gründet, in Jesus Christus schon begonnen hat und am Ende der Zeiten in der Fülle der Gottesherrschaft vollendet wird. Dieser Friede ist Grundlage und Voraussetzung des Friedens mit uns selbst und des Friedens unter den Menschen. ‚Der irdische Friede ist ein Abbild und Frucht des Friedens Christi…. Durch sein am Kreuz vergossenes Blut hat er in seiner Person die Feindschaft getötet…, die Menschen mit Gott versöhnt und seine Kirche zum Sakrament der Einheit des Menschgeschlechtes und dessen Vereinigung mit Gott gemacht‘ (Katechismus der katholischen Kirche=KKK).“ (Katholischer Erwachsenen –Katechismus, Bd. 2, S. 317)
Frage 232: Im Evangelium steht: „Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit dem Feuer taufen.“ [ vgl. Mt 3,11] Wie sieht die Feuertaufe aus? (TR)
Antwort: Der Fragende bezieht sich wohl auf folgende Stelle im dritten Kapitel des Evangeliums nach Matthäus, die Predigt Johannes des Täufers wiedergibt. Dort spricht Johannes in den Versen 11-12: „Ich taufe euch nur mit Wasser (zum Zeichen) der Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich, und ich bin es nicht wert, ihm die Schuhe auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und dem Feuer taufen. Schon hält er die Schaufel in der Hand; er wird die Spreu vom Weizen trennen und den Weizen in seine Scheune bringen; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.“ Feuer ist ein Mittel der Reinigung, das nicht so materiell wie das Wasser und wirksamer als dieses ist; bereits im alten Testament, vgl. Jes 1,25, Sach 13,9, Mal 3,2-3; Sir 2,5 ist das Feuer Symbol für das souveräne Eingreifen Gottes und seines die Herzen läuternden Geistes.
Frage 233: Wird Jesus zurückkommen? Wenn ja, wozu? Er soll ja mit seinem Kreuz schon alle Menschen gerettet haben. (TR)
Antwort: „Schon im Alten Testament war vom „Tag des Herrn“ die Rede, an dem Gott alle Bosheit seines Volkes strafen, zugleich aber auch sein Volk retten und wiederherstellen werde. Was hier gemeint war wird im Neuen Testament erst ganz deutlich: Wir erwarten den Tag Jesu Christi, seine Wiederkunft in Herrlichkeit. Dann wird Jesus vor aller Welt offenbar werden. Er ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und Toten. Die Bibel kündigt diesen Vorgang in großartigen Bildern an. Sie alle besagen dies eine: Am Ende wird Christus triumphieren und mit ihm die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Dann werden auch die Kleinen und Gedemütigten, die Vergessenen, die Opfer von Terror und Katastrophen zu ihrem Recht kommen, alle Bosheit und ungerechte Gewalt wird untergehen. So ist die Botschaft vom Weltgericht doch ganz und gar eine frohe Botschaft. […]
So erwarten wir [die Christen] von Jesus die Vollendung der Geschichte. Das ist eine frohmachende Botschaft ̶ und zugleich eine Sache von großer Gegenwartsbedeutung. Nicht wir schaffen die Vollendung der Welt, sondern der Herr wird dies tun. Wer das begriffen hat, wird keinem Verkündiger irdischer Paradiese mehr folgen. Wir Christen werden uns vom Auf und Ab der Weltgeschichte nicht irre machen lassen. Wir sollen tapfer für die Gerechtigkeit in der Welt kämpfen, sollen Gutes tun, so viel wir können, aber wir sollen die Vollendung nicht von uns selbst erwarten. So bewahrt und die Hoffnung auf den Sieger und Richter Jesus Christus vor schlimmen Utopien, die ̶ wie die Geschichte beweist ̶ nur allzu leicht in Blut und Tränen enden. Trügerische Hoffnung auf irdische Paradiese ̶ lahmes Resignieren ohne Hoffnung: Vor beidem bewahrt uns die Botschaft von Christi Kommen in Herrlichkeit.“ (Wilfried Henze, Glauben ist schön. Ein Katholischer Familienkatechismus. Harsum: Köhler, 2001, S. 176-177.)
Frage 234: Im Mittelalter sollen sich die Katholiken und die Orthodoxen gegenseitig exkommuniziert haben. Erkennen Sie ihre Taufen gegenseitig an oder sehen sie jeweils den Glauben des anderen als irrtümlich an? (TR)
Antwort: Gewöhnlich datiert man das „Große Schisma“ zwischen Ost und West auf das Jahr 1054, als der lateinische Kardinal Humbert da Silva Candida (am 16. Juli 1054) den Patriarchen von Konstantinopel, Michael Kerullarios und seine Gefährten, exkommunizierte; dieser wiederum belegte (am 24. Juli 1054) die römischen Legaten und ihre Mitarbeiter mit dem Anathem. Diese Exkommunikation war aber auf Einzelpersonen bezogen. Auch nach 1054 gab es noch zahlreiche Beispiele für praktizierte Kirchengemeinschaft zwischen Orthodoxen und Katholiken und zahlreiche Versuche der Wiederannäherung (u.a. Unionskonzil von Lyon 1274, Unionskonzil von Ferrara-Florenz 1438/39), die aber aus unterschiedlichen Gründen scheiterten. Erst im 18. Jh. kam es zum endgültigen Bruch der Kirchengemeinschaft: Das Dekret der römischen Kongregation für die Glaubensverbreitung (Propaganda fide) von 1729 verbot jede Sakramentengemeinschaft zwischen Katholiken und Orthodoxen; umgekehrt erklärte eine Enzyklika der griechischen Patriarchen von 1755 die lateinischen Christen für ungetauft.
Am 7.12.1965 wurden in Rom und in Istanbul gleichzeitig die Anathemata von 1054 „aus dem Gedächtnis und der Mitte der Kirche“ getilgt.
Was die Anerkennung der Taufe angeht, so erkennen die Katholiken die Taufe in einer orthodoxen Kirche an, umgekehrt aber ist die Praxis der einzelnen orthodoxen Kirchen unterschiedlich (einige erkennen die römisch-katholische Taufe an, andere, etwa die Kirche Griechenlands, nicht). Dazu: J. Oeldemann, Orthodoxe Kirchen im ökumenischen Dialog. Positionen, Probleme, Perspektiven (Paderborn 2004) (Diese Antwort wurde verfasst von Prof. Dr. M. Th. Hainthaler, Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen, Frankfurt am Main)
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