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10. Gottgeweihte Ehelosigkeit

     I. Muslime fragen

* Warum heiraten Priester und Ordensangehörige nicht?

    
II. Muslimische Sicht

     Allgemein

1. Der Islam lehrt, dass es die natürliche Berufung jedes Mannes und jeder Frau ist, eine Familie zu gründen und die damit verbundenen Anforderungen und Risiken gläubig auf sich zu nehmen. Die Gründung und der Aufbau einer Familie werden daher als eine Pflicht gegenüber der menschlichen und religiösen Gemeinschaft betrachtet. Folglich haben die Muslime den Verdacht, dass jemand, der freiwillig ehelos bleibt, obwohl er zur Ehe fähig ist, dies aus Egoismus tut. Oder man denkt als Motiv an Impotenz oder an eine tiefe Enttäuschung nach einer unglücklichen Liebe. Auch zweifelt man, dass die Verpflichtungen des Gelübdes der Ehelosigkeit wirklich eingehalten werden: Man stellt sich verborgene Beziehungen zwischen Priestern und Ordenspriestern, auch homosexuelle Beziehungen, vor und zwar aufgrund der allgemeinen Überzeugung, dass gesunde Männer und Frauen nicht ohne sexuelle Beziehungen leben können.

2. Die Ehe ist ferner eine der Grundpflichten des Gläubigen („Ehe ist der halbe Glaube“: al-zawâdsch nisf al-îmân, wie ein oft zitierter Hadis sagt). Das gilt im besonderen für den Mann, dessen Pflicht es ist, „das schwache Geschlecht“ zu „beschützen“. So wird verständlich, warum freiwillige Ehelosigkeit bei den Muslimen eine Aura des Skandals, der Kritik und Ablehnung hervorruft. Allerdings ist bezüglich dieser spontanen und elementaren Reaktion unter Muslimen heute eine gewisse Entwicklung zu beobachten.

3. In unseren Tagen gibt es in der islamischen Welt immer öfter Fälle freiwilliger Ehelosigkeit, zumindest auf Zeit, unter Männern und Frauen, entweder aus Hingabe (wie z. B. ältere Brüder und Schwestern, die sich um die jüngeren Kinder in der Familie kümmern; wie Krankenschwestern und Sozialarbeiter, die sich ganz ihrer Aufgabe widmen; wie Freiheitskämpfer [etwa die fidâ’iyyûn und fidâ’iyyât im Palästinensischen Freiheitskampf]), oder aus eher persönlichen Gründen (der Wunsch, außerhalb oder vor der Ehe Erfüllung im Leben zu suchen) oder aus religiösen Gründen: unverheiratete Pilger (hâdschiyyûn) oder junge Witwen, die sich entscheiden, für eine gewisse Zeit, wenn nicht für das ganze Leben, zu Gebet und Meditation in Mekka zu bleiben.

4. Diejenigen, die Priester und Ordensleute kennen und sie rund um die Uhr erleben, erkennen an, dass die gottgeweihte Ehelosigkeit wirklich gelebt wird. Manche bewundern diese Art zu leben (immer wieder kommt es z. B. vor, dass muslimische Mädchen, die mit Ordensfrauen zusammenleben oder -arbeiten, ihrem Bedauern Ausdruck verleihen, dass es keine vergleichbare Form von religiösem Leben im Islam gibt. Sie würden gerne als Muslime Gott-geweihtes eheloses Leben führen. Was sind ihre Motive? Flucht vor dem Ehestand oder das Verlangen nach einem Leben in Hingabe? Häufiger werden Menschen sagen: „Das ist in Ordnung für Christen, aber ‚im Islam gibt es kein Asketentum‘ (lâ rahbâniyyat fîl-Islâm)“.

     Im Einzelnen

1. Von einigen Ausnahmen abgesehen kann man sagen: Die gottgeweihte Ehelosigkeit wird im Islam nicht als menschliches oder religiöses Ideal anerkannt. Im Koran finden wir praktisch keine Spur davon. Der Prophet war verheiratet. Es gibt viele Hadise, die die Ehe ausdrücklich preisen und die gottgeweihte Ehelosigkeit negativ darstellen und ablehnen. Etwa folgende: „Unsere sunna (Tradition mit rechtlichem Charakter) ist das Eheleben“ (sunnatu-nâ al-zawâdsch); „Die Ehe ist der halbe Glaube“. „Hätte ich einen Tag mehr zu leben und wäre nicht verheiratet, so würde ich eine Frau nehmen, damit ich Gott nicht als unverheirateter Mann begegne.“ Einem Muslim, der noch unverheiratet war, wurde gesagt: „So, du hast dich also entschlossen, in der Gemeinschaft mit Satan zu leben? Falls du ein christlicher Mönch werden willst, dann trete doch ihrer Gemeinschaft öffentlich bei; bist du aber einer von uns, dann folge unserer sunna!“

Einer der größten muslimischen Theologen, al-Ghazâli (1059–1111)62, erklärt in aller Ausführlichkeit die Gründe, warum die Ehe im Islam bindend vorgeschrieben ist:

– Nachkommenschaft zu zeugen in Übereinstimmung mit dem klaren Willen Gottes und des Propheten;
– die muslimische Gemeinschaft zu stärken;
– seine Sinnlichkeit zu befriedigen und einen Vorgeschmack des Paradieses schon hier auf Erden zu kosten;
– für den Mann: der Vorteil, jemanden zu haben, der nach der Hausarbeit sieht und der einem deshalb freie Zeit lässt für das Gebet;
– für den Mystiker: Entspannung durch Vergnügen mit seiner Frau zu finden;
– eine Gelegenheit schließlich, in Geduld zu wachsen durch das Ertragen des Temperaments der Frau. Fast alle islamischen Mystiker waren verheiratet.

2. Dennoch wird die gottgeweihte Ehelosigkeit nicht total ignoriert und in jedem Fall abgelehnt. Der Koran preist Maria als das vollkommene Beispiel der Jungfräulichkeit: „Und die ihre Keuschheit wahrte“ (Sure 21,91; 66,12; vgl. 3,39 mit den Hinweis auf Johannes den Täufer [Yahyâ] der keusch [hasûr] war und einer Andeutung der Keuschheit Jesu). Mönche werden lobend erwähnt (Sure 5,82; 24,36–37; 57,27; aber siehe auch 9,31.34). Einige Mystiker und Asketen lebten als Muslime die gottgeweihte Ehelosigkeit. So die bekannte Mystikerin Râbi’a von Basra (8. Jahrhundert), deren Weigerung, sich zu verehelichen, ein Gelübde der Weihe an Gott zu implizieren scheint. Die Handbücher einiger Sufiorden (Rahmâniyya, Bektâshiyya …) preisen Ehelosigkeit aus religiösen Motiven. Al-Ghazâli hält die Ehelosigkeit nur dann für ratsam, falls man mit den Ausgaben und Belastungen einer Familie nicht fertig werden kann, falls der Charakter der Ehefrau zu schwierig ist oder falls die Ehefrau den Mystiker von der intensiven Praxis der Meditation abhalten würde. Er kommt zu dem Schluss, dass der Wert des Verheiratet- oder Nichtverheiratetseins von den Umständen abhängt. Das Ideal bestehe in der Möglichkeit, das verheiratete Leben mit Frömmigkeit und Hingabe an Gott verbinden zu können, wie es der Prophet Muhammad getan habe.

Zu Jesu Ehelosigkeit bemerkt Al-Ghazâli:

    „Vielleicht war er so veranlagt, dass ihn die Beschäftigung mit der Familie zu sehr mitgenommen hätte oder dass es ihm dabei zu schwer geworden wäre, in erlaubter Weise den Unterhalt zu beschaffen, oder er vermochte die Ehe nicht mit der Hingabe an den Dienst Gottes zu vereinigen und wählte daher die Hingabe an den Dienst Gottes allein.“63

     III. Christliche Sicht

Hier geht es nicht um die Single-Kultur im nichtreligiösen Raum, die überdies keine geschlechtliche Enthaltsamkeit kennt. Es geht um die bewusste christliche Motivierung der Ehelosigkeit, insbesondere um die geforderte Ehelosigkeit der Priester und Ordensangehörigen einschließlich geschlechtlicher Enthaltsamkeit.

    
1. Katholische Sicht

Für den katholischen Glauben gibt es drei grundsätzliche Motive für die gottgeweihte Ehelosigkeit, die sich gegenseitig ergänzen:

    – um des Himmelreiches willen (Mt 19,12) bzw. um der Verkündigung des Evangeliums willen wie bei Paulus (vgl. 1 Kor 9). Es geht darum, Jesus Christus seine volle Dankbarkeit und Liebe zu zeigen. Bei denjenigen, die zur Ehelosigkeit berufen sind, kann diese Lebensform die innere Bindung an Gott und die Offenheit für Gott fördern. Ehelosigkeit kann die Erwartung Gottes und seines Reiches zum Ausdruck bringen;
    – der Dienst an den Mitmenschen, den eine vollkommene Hingabe an die Aufgabe fördert;
    – eine bewusste Nachahmung Jesu, der ehelos lebte, und Marias, die im Glaubensbekenntnis als „Jungfrau“ benannt wird. Sehr viele um Jesu willen ehelose Christen haben sich dadurch anregen und motivieren lassen.

     2. Evangelische Sicht

Die Befürwortung der Ehe steht gleichberechtigt neben der der Ehelosigkeit. Der Ehelosigkeit kommt keine besondere Vorzugsstellung zu. Sie kann um des völligen Dienstes an der Verkündigung des Evangeliums willen sinnvoll sein. Sie wird jedoch nicht für Pfarrer und Pfarrerinnen gefordert. Sie wird in einigen Gemeinschaften gelebt, bedeutet aber auch dort keine unkündbare Bindung. Der Ehelosigkeit Jesu kommt keine Leitfunktion zu; Jesus dient allerdings Ehelosen auch als Vorbild. Gleiches gilt für Maria nicht. Exegeten gehen davon aus, dass Maria keineswegs dauerhaft enthaltsam lebte, sondern neben Jesus noch weitere Kinder hatte (Mk 6,3).

    
IV. (Katholische) Christen antworten

1. Wo Muslime Egoismus als Motiv vermuten, kann man antworten, das Ideal der gottgeweihten Ehelosigkeit sei motiviert auch vom Dienst an den Menschen (li-khidmat al-insâniyya), und vom Willen, Gutes zu tun (li-l-a’mâl al-khayriyya). Dies verlangt jedoch von den Ehelosen, dass sie wirklich für den Dienst an den Mitmenschen verfügbar sind. Es wird nicht überzeugen, wenn ihre Lebensweise kaum von denen verheirateter Menschen verschieden ist. Ehelosigkeit kann nur christlich gelebt werden, wenn die gesamte Lebensweise vom Geist des Evangeliums geprägt ist.

2. Wo man die religiös-moralische Verpflichtung, zu heiraten und eine Familie aufzubauen, betont, kann darauf hingewiesen werden, die Ehelosigkeit ziele auf eine direkte Weihe an Gott (li-wajh Allâh; aslama wajha-hu li-llâh), oder geschehe um des Gebetes willen. Dies setzt voraus, dass man den Geist der vollen Hingabe und des Gebets tatsächlich wahrnehmen kann.

3. Wo man den Verdacht hat, dass eine enttäuschte Liebe hinter der Entscheidung für die Ehelosigkeit steht, kann man auf den Wert und die Schönheit des ehelichen Lebens, der christlichen Familie als Ideal und eventuell auf glücklich verheiratete Schwestern und Brüder hinweisen.

4. Man sollte die Anfechtungen der Ehelosigkeit nicht verschweigen und nicht leugnen, dass nicht wenige den Weg der Ehelosigkeit für sich als zu schwer erachteten und daher abbrachen. Auch der Weg der Ehelosigkeit schützt nicht vor Krisen.

5. Geistliche oder Ordensangehörige sollten, wenn sie auf dieses Thema hin angesprochen werden, davon erzählen, wie sie die Berufung erlebt haben als einen Ruf, eine Einladung (da’wa) Gottes zu größerer Liebe, mit dem Verlangen, Jesus und die Jungfrau Maria nachzuahmen. Man kann erzählen, wie diese Berufung heranreifte, durch Gebet, Nachdenken und Beratung mit anderen gläubigen Christen, mit der Unterstützung der Familie, falls dies der Fall war; wie die Idee schließlich so klar und drängend wurde, dass eine Ablehnung Traurigkeit und Unglück hervorgerufen hätte. Allerdings setzt dies voraus, dass man im Leben eines gottgeweihten Ehelosen wahre menschliche und geistliche Erfüllung glaubwürdig wahrnehmen kann.

Senden Sie Ihre Fragen bezüglich das Buch oder über das Christentum an:
fragen@antwortenanmuslime.com

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